Die Schuhe der Toten

Für Mimi

Als ich in ihre Stube kam, sah sie mich nicht.
Als ich ihren Namen nannte, hörte sie mich nicht.
Ich bin es, sagte ich, und glaubte es selber nicht.
So kommt ein Toter zu Lebenden, und sie kennen ihn nicht.
Das Ende der Liebe löscht die Gesichter aus.
Ich auf die Straße, da fielen die Häuser um.
Die Schuhe der Toten gingen einzeln und leer,
Rechtsum der linke, nach links der rechte Schuh.
Auch meine Schuhe zogen mich jeder verquer.
Zerrissen stand ich, unfähig zum nächsten Schritt,
Die eigenen Füße waren mir fremd, wie vertauscht.
Ich suchte meinen Namen, keiner paßte zu mir.
In meinen Kleidern steckte ein Golem, das Wort war gelöscht.
Fremde schlugen nach mir mit meinen eigenen Händen.
Feinde klagten mich an mit meiner eigenen Stimme.
Plötzlich sah ich mich selbst, wie ich fortging von mir.
Im Munde spürte ich der toten Liebe Geschmack.
Ich vergaß, wie man vergibt.
(Hermann Kesten, Ich bin der ich bin, S. 67)