"Lindner ist zwar in Hamburg geboren, kam aber schon im ersten Lebensjahr nach Nürnberg, ging hier zur Schule, besuchte die Kunstschule Nürnberg und verbrachte hier fast sein halbes Leben. Seine Bilder und Illustrationen sind voll Nürnberger Themen. So er, um nur ein Beispiel zu geben, die Umschlagszeichnung meines Romans 'Die Zwillinge von Nürnberg' für die amerikanische Ausgabe entworfen, mit einer Darstellung der Stadt Nürnberg. Lindner, der wie viele Deutsche 1933 von der deutschen Regierung geächtet und ausgetrieben wurde, ging 1933 nach Paris, 1940 nach New York, wo er noch heute lebt, Professor an der besten New Yorker Kunsthochschule und Visiting Professor an der Yale Universität war, einer der angesehensten amerikanischen Illustratoren, den kürzlich die New York Times anläßlich einer Washingtoner Ausstellung der besten lebenden amerikanischen Maler gefeiert hat. In Nürnberg ist Richard Lindner, der noch heute nürnbergerisch spricht, der ein geradezu typischer Nürnberger Künstler ist, sogar dem Namen nach unbekannt, er hat noch keinen Nürnberger Kulturpreis erhalten, obgleich seine Bilder in den besten amerikanischen Museen hängen, obgleich er in Paris und London, ja sogar in Hamburg berühmt ist.
Zwanzig Jahre danach. Zweite Nürnberger Rede (gehalten im Rahmen der fränkischen Kulturtage 1965). In: Hermann Kesten. Mit Menschen leben. Hg. und mit einem Vorwort versehen von Wolfgang Buhl , Cadolzburg (ars vivendi) 1999, S. 142